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„Auf der Suche nach einer neuen Erinnerungskultur“ – Autor Max Czollek zu Besuch in der Bismarckschule

„Auf der Suche nach einer neuen Erinnerungskultur“ – Autor Max Czollek zu Besuch in der Bismarckschule

30. April 2026

Autor, Lyriker, Essayist, Herausgeber, Kurator, Podcaster – Max Czollek ist vieles, Universalkünstler sozusagen, und außerdem viel unterwegs. Neben Lesungen in ganz Deutschland und außerhalb, bis nach Indien und in die USA, war er jetzt auch in Elmshorn, genauer gesagt an der Bismarckschule.

Dienstag, 21. April, 11:30, Max Czollek in einem Lehnsessel auf der Bühne der Schulaula, einen Beistelltisch mit Wasser und Weingummi vor sich, ein Portrait an der Wand zu seiner Linken, aus welchem Otto von Bismarck ihn sehr ernst und mit Pickelhaube auf dem Kopf mustert. In den leicht schiefen Stuhlreihen haben der 11. Jahrgang (größtenteils gewillt, sich auf die kommenden 70 Minuten einzulassen, in Einzelfällen außerstande, den Raum für den Toilettengang während der Lesung möglichst lautlos zu verlassen), Mitglieder der AG „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, die die Lesung in Zusammenarbeit mit den Schüler:innensprecher:innen organisiert hat, weitere Personen der Schulgemeinschaft sowie externe Gäste Platz genommen. Noch nie habe ein Orchester für ihn auf einer Lesung gespielt, bedankt Czollek sich lachend beim Schulorchester, das die musikalische Rahmung vornimmt.

Dann erklärt er seinem Publikum, dass die deutsche Selbsterzählung von einer erfolgreichen Erinnerungskultur, von der „Wiedergutwerdung“ Deutschlands, der Überwindung rechter Gewaltkontinuitäten, eben nur das sei: eine gute Story. Die deutsche Erinnerungskultur, wie sie bisher stattgefunden habe, charakterisiert er grob wie folgt: 1. Symbolhandlungen überwiegen nicht nur die Praxis, sie dienen meist als Ersatz. 2. Das Bedürfnis nach Versöhnung ist zentral, die Untröstlichkeit und Unversöhnbarkeit, die mit der Shoah einhergeht, wird von der Dominanzgesellschaft konsequent ignoriert. 3. Es findet eine Unsichtbarmachung marginalisierter Gruppen statt; die Dominanzgesellschaft bestimmt, welche Geschichten erzählt werden und welche nicht. 4. Die „Wiedergutwerdung Deutschlands“ dient als Legitimation für einen neuen Nationalstolz, dafür, „endlich wieder stolz auf Deutschland sein zu dürfen“. Es würden eher 20 neue Denkmäler gebaut, als Täter*innen zur Rechenschaft gezogen, heißt es in seinem Buch Versöhnungstheater (2023). Und weiter: „Reden, Kniefälle und Denkmäler sehen zwar gut aus, müssen aber nicht bedeuten, dass man auch real Verantwortung übernimmt“. Der heutige Rechtsruck, die Zunahme rechter Gewalt, die Verrohung des politischen Diskurses und die Tatsache, dass eine völkische Partei in aktuellen Wahlumfragen als stärkste Kraft hervorgeht, seien nicht zuletzt auch Resultat eben dieses Scheiterns. Mit diesen Befunden als Ausgangspunkt unternimmt Czollek in seinem neuesten Werk Alles auf Anfang (2025), das er gemeinsam mit der Politikwissenschaftlerin und Journalistin Hadija Haruna-Oelker verfasst hat, nun den Versuch, eine neue Erinnerungskultur zu entwerfen. Eine, die die Stimmen marginalisierter Gruppen nicht nur hörbar macht, sondern im Kern aus eben diesen Stimmen besteht. Neben Czolleks Arbeit und Person (auf die Frage, welches lyrische Stilmittel er denn wäre, wenn er eines wäre, antwortet er mit Enjambement) geht es außerdem auch um den Schulnamen. Im Umgang mit Otto von Bismarck, der als historische Persönlichkeit alles andere als unproblematisch gealtert ist, rät Czollek zu Humor, beispielsweise mit Verweis auf den gleichnamigen Hering. Moderiert wurde die Veranstaltung von Aylin Topçam und Loreley Löffler, die finanziellen Mittel stellte der Verein ehemaliger, Freunde und Förderer der Bismarckschule e.V. zur Verfügung. Die AG „Schule ohne Rassismus –  Schule mit Courage“ sowie die Schüler:innensprecher:innen der Bismarckschule bedanken sich herzlich bei allen Mitwirkenden für die gelungene Umsetzung!

Loreley für die AG „Schule ohne Rassismus –  Schule mit Courage“